27.09.2006

Gastbeitrag

Schwedens "Atomausstieg"

Stellt euch vor, ein bedeutender europäischer Industriestaat beschließt den Atomausstieg - und am Ende hat das Land mehr Atomkraft als vorher.
Sowas sollte nicht passieren? Stimmt.
Oder ist es etwa schon passiert, und gleich mehrmals nacheinander? Leider ja: Im Land der Elche und der Kiefernholzmöbel, unserem nördlichen Fast-Nachbarn Schweden.

Atomkraftwerke in Schweden

Wie kam das?

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss das Königreich zur Fortsetzung seiner Neutralitätspolitik ein komplettes zivilmilitärisches Atomprogramm. Die traurigen Reste der Uranbergwerke in Ranstad (zwischen den beiden großen Seen) strahlen heute noch, in Västerås (am Nordufer des Mälarsees, 90 Kilometer westlich von Stockholm) entstand das ASEA-Atom-Werk (heute Westinghouse, im Besitz der BNFL). Den ersten Forschungsreaktor gab's 1954 und von 1964 bis 1974 lieferte das Atom-Heizkraftwerk Ågesta Fernwärme für die Stockholmer Satellitenstadt Farsta. Nachdem die Regierung 1959 auf Atomwaffen verzichtet hatte, konnte 1970 auch der Bau einer Wiederaufbereitungsanlage verhindert werden.

Endlagerproblem "gelöst"

Besonders stolz waren die schwedischen Atomiker, als sie 1979 als erstes Land der Welt das Atommüllendlagerproblem mit der Festlegung der Technik (Wiederaufbereitung in Frankreich, Restmüll in Stahlzylinder in Katzenstreu in Granitstollen) und des Standortes "gelöst" hatten. Genaugenommen hatte man östlich von der Insel Sternö an der Südostküste in einen Granitstock probegebohrt. Die Bohrungen trafen auf rissiges Gestein - also legte man fest, dass der Granit zwischen den Bohrungen optimal für die Atommüllagerung geeignet sei. Damit war die Bedingung zur Inbetriebnahme von 2 fertigen Reaktorblöcken formell erfüllt; der atomkritische Ministerpräsident, Thorbjörn Fälldin von der Centrumspartei, trat zurück, Schweden hatte keine Regierung mehr, aber zwei neue Atomkraftwerke.

"Demokratische" Entscheidung

Bis Ende der siebziger Jahre gingen sechs Reaktorblöcke an den Standorten Oskarshamn, Barsebäck und Ringhals in Betrieb und weitere sechs waren in Bau. Nach dem Unfall in Harrisburg (USA) konnten die AtomkraftgegnerInnen eine Volksabstimmung über die Zukunft der Atomenergienutzung durchsetzen. Leider hatten die WählerInnen auf den Simmzetteln nicht einfach die Wahl zwischen "ja" und "nein". Stattdessen gab es drei verschiedene Variationen von Jein:

Ergebnisse der Volksabstimmung vom 23. März 1980

18,9% Linie 1: "Energie für Schweden"
Für Befristung, maximal 12 Reaktoren, bis zur Einführung der erneuerbaren Energien

39,1% Linie 2: "Ausstieg aus der Kernkraft - aber mit Vernunft!"
Wie Linie 1 , plus Energiespar- und Sicherheitsmaßnahmen, keine Elektroheizungen

38,7% Linie 3: "Atomkraft? Nein danke!"
Für Ausstieg innerhalb von 10 Jahren, nur die bereits vorhandenen 6 Reaktoren

Man konnte dieses Ergebnis also als eine satte Mehrheit von fast 80% für den Atomaustieg interpretieren - tatsächlich hatte aber die von den Sozialdemokraten unterstützte Linie 2 gewonnen und der beschlossene "Atomausstieg" bedeutete die Verdoppelung der Anzahl der Reaktorblöcke bis 1985. Dann galt ein Kerntechnikgesetz, das den Bau von neuen Reaktoren verbot.

Überkapazität

Da der Stromverbrauch des Landes nicht so stark anstieg wie die Atomiker prognostiziert hatten, wurde der Einbau von Elektroheizungen in Ein- und Mehrfamilienhäusern und öffentlichen Gebäuden und die Ansiedlung von stromverbrauchenden Industrien gefördert, so dass der Pro-Kopf-Stromverbrauch heute weit über den europäischen Durchschnitt liegt. Der Strommix bestand jeweils knapp zur Hälfte aus Atom- und Wasserkraft, etliche Kohle- und Ölkraftwerke wurden für Lastspitzen bereit gehalten. Von den vier AKW-Standorten gehörten zwei (mit 7 Reaktoren) ganz oder teilweise dem Staatskonzern Vattenfall und die beiden anderen der Sydkraft-Gruppe.

Deregulierung des Strommarkts

Mit den 90er Jahren und den Vorbereitungen zum EUBeitritt Schwedens kam die Deregulierung des Strommarkts. Sydkraft wurde von Preußenelektra (jetzt E.on) aufgekauft. Die Reservekraftwerkskapazitäten wurden durch den Anschluss an das europäische Verbundnetz überflüssig und deshalb stillgelegt und abgerissen.

Beginn des "Atomausstiegs"

Im Februar 1998 legte die Regierung die Termine für die Stillegung der beiden Reaktorblöcke (mit den hübschen Kosenamen "Bengt" und "Svea") des Kraftwerks Barsebäck fest. Das waren zwar nicht die ältesten Reaktoren des Landes aber die unstrittensten, denn sie stehen in Sichtweite Kopenhagens und die Dänen hatten sich ja gegen Atomkraft entschieden. Barsebäck 1 wurde am 29.11.1999 abgeschaltet, bei Barsebäck 2 zögerte sich die Stillegung noch bis 2005 hinaus. Und da sich eine neoliberale Rechtsauffassung durchgesetzt hatte, nach der ein Investor Anspruch auf Ausgleich für entgangene Gewinne aus seiner Investition hat, forderte Sydkraft von der Regierung den Ausgleich für Gewinne aus dem Rest einer angenommenen Gesamtlaufzeit von 40 Jahren pro Reaktor. Man einigte sich darauf, dass Sydkraft den Ausgleich in Form von Anteilen am Vattenfall-Atomkraftwerk Ringhals bekommt, die die Regierung Vattenfall abkauft. Was macht Vattenfall mit so viel Geld? Na klar: investieren! Man kauft sich also die Hamburgischen Electricitätswerke samt deren Anteilen an den Atomkraftwerken Stade, Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf und damit hat man es mal wieder geschafft: Nach dem Beginn des Atomausstiegs besitzt Schweden mehr Atomkraftwerke als vorher. Und Herr und Frau Svensson, die schwedischen Steuerzahler, müssen das ganze bezahlen.

Atomkonsens nach deutschem Modell?

Natürlich wurde klar, dass das Atomausstiegsprogramm so nicht weitergehen konnte; die Svenssons haben einfach nicht genug Geld um die restlichen zehn Atomkraftwerksblöcke aufzukaufen. Also startete die Regierung 2003 einen halbherzigen Anlauf zu Konsensverhandlungen zum Atomausstieg ohne Entschädigungen "nach deutschem Modell". Wie erwartet kam nichts dabei heraus, denn warum sollten E.on und Vattenfall auf die Ausgleichszahlungen verzichten, die ihnen nach dem Präzedenzfall Barsebäck zustehen?

Und der Widerstand?

Die Schwedischen AtomkraftgegnerInnen können auf glorreiche Zeiten zurückblicken: Zu den Barsebäcksmärschen in den 70er Jahren kamen bis zu 30.000 TeilnehmerInnen und die Bürgerinitiative "Rädda Kynnefjäll" hielt ihre Wachhütte auf einem Endlagerbauplatz fast 20 Jahre rund um die Uhr besetzt, mit dem Erfolg dass das Endlager nun wohl am AKW Oskarshamn entsteht, da sind die AnwohnerInnen anscheinend schon immun gegen Strahlung.

Leistungssteigerungen

Um klarzustellen, wie man sich den weiteren Verlauf des schwedischen "Atomausstiegs" denkt, hat Vattenfall in den letzten Jahren Milliardeninvestitionen zur Modernisierung und zur Erhöhung der Stromproduktion in den Kraftwerken Forsmark und Ringhals angekündigt. Zuerst gibt's neue Turbinen (von Siemens) mit höherem Wirkungsgrad, und in der zweiten Stufe soll der Neutronenfluss in den Reaktoren verstärkt werden. Die Steigerung der Stromproduktion wäre höher als der Verlust durch die Stillegung der beiden Barsebäcksreaktoren und damit wäre es wieder mal geschafft: Schweden hätte nach dem Beginn des "Atomausstiegs" auch im Inland mehr Atomstromkapazität als vorher.

 

Bernd Frieboese
für
NETZWERK REGENBOGEN

 

Siehe auch unseren Artikel:

Der deutsche "Atom-Ausstieg"

 

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