"This war on terrorism is bogus"
Kaum zu glauben: Eine schon vom Schachbrett verschwundene Figur schlägt den König der eigenen Farbe, indem sie ihn
zum Bauern degradiert. Michael Meacher, britischer Umweltminister von Mai 1997 bis Juni 2003 (Rücktritt wegen der
USA-freundlichen Öffnung des Marktes für Gen-Food1), legt in der Samstags-Ausgabe des 'Guardian' die
US-amerikanischen Beweggründe für den Irak-Krieg offen und stellt damit Premier Tony Blair bloß.
In den letzten Wochen wurde in den britischen Massen-Medien aus Anlaß des Todes des B-Waffen-Experten David Kelly
noch darüber spekuliert, wie groß die Gefahr irakischer Massenvernichtungswaffen nun tatsächlich gewesen sei und ob
Tony Blair etwa mit jenen ominösen 45 Minuten nicht doch ein wenig übertrieben habe. Da platzt Blairs langjähriger
Umweltminister Michael Meacher mit der Behauptung in die Debatte, all dies habe überhaupt keine Rolle gespielt.
Beide Kriege seit dem 11. September 2001, sowohl der Afghanistan-Krieg als auch der Irak-Krieg, seien von langer Hand
geplant gewesen und einzig und allein mit dem Ziel geführt worden, die globale Dominanz der USA zu sichern und
auszubauen und zugleich den Zugriff auf die Ölquellen am Kaspishen Meer und im Mittleren Osten zu erhalten.
Und um Blairs Argumentation völlig den Boden zu entziehen, schreibt Meacher, die britische Regierung habe sich nur
deshalb so bereitwillig an diesen Kriegen beteiligt, weil auch die eigene Energieversorgung in naher Zukunft in Frage
gestellt ist. Als ehemaligem Kabinetts-Mitglied hat Meachers Wort besonderes Gewicht.
Michael Meacher führt aus, daß die Blaupause für die globale Pax Americana bereits ein Jahr vor "nine-eleven", nämlich im
September 2000 von Dick Cheney (heute Vize-Präsident), Donald Rumsfeld (Verteidigungsminister), Paul Wolfowitz
(Rumsfelds Staaatssekretär), Jeb Bush (George W. Bushs jüngerem Bruder) und Lewis Libby (Cheneys Stabs-Chef)
niedergelegt wurde. Das als "Wiederaufbau der Amerikanischen Verteidigung" (Rebuilding America's Defences) betitelte
Papier war ein Produkt des einflußreichen PNAC (Project for the New American Century). In diesem Plan - so hebt
Meacher hervor - sei das Ziel die militärische Kontrolle über die Golf-Region gleichgültig, ob dabei Saddam Hussein an
der Macht sei oder auch nicht. Wörtlich zitiert er daraus: "..., während der ungelöste Konflikt mit dem Irak die unmittelbare
Rechtfertigung liefert, wird der Zweck des Regimes von Saddam Hussein von der Notwendigkeit transzendiert, daß
substantielle militärische Kräfte der USA am Golf präsent sind."
Das PNAC-Papier führe ein anderes Positions-Papier aus dem Umfeld von Wolfowitz und Libby weiter, in dem - so zitiert
Meacher - ausgeführt wird, die USA müsse "führende Industienationen entmutigen, unsere Führungsrolle in Frage zu
stellen oder auch nur auf eine größere regionale oder globale Rolle zu hoffen." In seinem Beitrag im 'Guardian' zeigt
Meacher daran anschließend auf, wie diese Pläne vor, während und nach "nine-eleven" zum "globalen Krieg gegen
Terror" umgeformt wurden.
Dies sei laut Meacher auf mehreren Wegen unternommen worden: "Zunächst, es ist klar, daß die US-Führung wenig
oder nichts taten, um die Ereignisse des 11.09. zu verhindern. Es ist bekannt, daß nicht weniger als 11 Länder der
US-Regierung dringende Warnungen vor den "nine-eleven"-Angriffen lieferten. Zwei Senior-Experten des Mossad
(israelischer Geheimdienst, d.R.) waren im August 2001 nach Washington entsandt worden, um CIA und FBI vor
einer Zelle von 200 Terroristen zu warnen, von denen es hieß, sie bereiteten eine große Operation vor ('Daily Telegraph',
16.09.2001). Die Liste, die sie lieferten, enthielt die Namen von vier der "nine-eleven"-Flugzeugentführer, von denen keiner
festgenommen wurde."
Weiter weist Meacher darauf hin: "Es war bereits seit 1996 bekannt, daß Pläne existierten, Ziele in Washington mit
Flugzeugen zu attackieren. Dann wurde 1999 in einem Bericht eines US-Geheimdienst-Rates festgehalten, daß
>>Al Quaida mit Selbstmordattentätern ein Flugzeug beladen mit hochexplosivem Material ins Pentagon, ins
Hauptquartier des CIA oder ins Weiße Haus anstürzen lassen könnte.<<"
"Fünfzehn der "Nine-Eleven"-Flugzeugentführer erhielten ihre Visas in Saudi Arabien. Michael Springman, der frühere
Chef der US-Visa-Abteilung in Jeddah, machte die Aussage, daß der CIA seit 1987 unerlaubt Visa an nicht-qualifizierte
Bewerber aus dem Mittleren Osten ausgab, um sie in die USA zu bringen und für den afghanischen Krieg gegen die
UdSSR in Zusammenarbeit mit Bin Laden zu trainieren (BBC, 6.11.2001). Es scheint, daß diese Operation nach dem
afghanischen Krieg gegen die UdSSR für andere Zwecke fortgeführt wurde. Es wird zudem berichtet, daß fünf der
Flugzeugentführer in abgesicherten US-Miliäreinrichtungen in den neunziger Jahren ein Training erhielten ('Newsweek',
15.09.2001)."
"Instruktive Fährten wurden vor "Nine-Eleven" nicht weiterverfolgt. Der französisch-marokkanische Flugschüler Zacarias
Moussaoui (, der inzwischen als der zwanzigste Flugzeugentführer erachtet wird) war im August 2001 festgenommen
worden, nachdem ein Fluglehrer darüber berichtet hatte, daß er verdächtiges Interesse daran gezeigt hatte, das Steuern
von Großraumflugzeugen zu erlernen. Als US-Agenten vom französischen Geheimdienst erfuhren, daß er Verbindungen
zu radikalen Islamisten unterhielt, erbaten sie eine Ermächtigung, um seinen Computer zu durchsuchen, der
Anhaltspunkte zur "Nine-Eleven"-Mission enthielt ('Times', 3.11.2001). Aber sie wurden vom FBI zurückgepfiffen.
Einer der Agenten schrieb einen Monat vor "Nine-Eleven", daß Moussaoui einen Absturz in die Twin Towers planen
könnte ('Newsweek', 3.11.2001)."
"All dies macht es - aus der Perspektive "Krieg gegen Terrorismus" - um so erstaunlicher, daß es gerade am 11.
September so langsame Reaktionen gab. Die erste Flugzeugentführung wurde für einen Zeitpunkt nicht später als 8
Uhr 20 vermutet und die zuletzt entführte Maschine zerschellte um 10 Uhr 06 in Pennsylvania. Kein einziges
Kampfflugzeug stieg zur Aufklärung vom nur 10 Meilen von Washington D.C. entfernten Luftwaffenstützpunkt US
Andrews auf bevor das dritte Flugzeug um 9 Uhr 38 das Pentagon getroffen hatte. Warum nicht ? Schon vor
"Nine-Eleven" gab es standardisierte FAA-Abschnitts-Prozeduren für den Fall entführter Flugzeuge. Zwischen
September 2000 und Juni 2001 schickte das US-Militär bei 67 Vorfällen Kampfflugzeuge los, um verdächtige
Flugzeuge zu jagen ('AP', 13.08.2002). Entsprechend einer US-Rechtsvorschrift werden Kampfflugzeuge zur
Aufklärung entsendet, sobald ein Flugzeug deutlich vom vorgegebenen Kurs abweicht."
War diese Untätigkeit der Leute in den Schlüsselpositionen einfach das Ergebnis dessen, daß sie das Offensichtliche
mißachteten oder ignorierten ? Oder könnten der US-Luftüberwachungs-Betrieb mit Absicht am 11. September herunter
gefahren worden sein ? Falls ja, warum und auf wessen Anweisung ? Der frührere US-Bundessstaatsanwalt John Loftus
hat gesagt: >>Die von europäischen Geheimdiensten vor dem 11.09. gelieferten Erkenntnisse waren so umfangreich,
daß es weder für den CIA noch für das FBI länger möglich ist, sich mit Unfähigkeit zu verteidigen."
"Auch ist die US-Reaktion nach "Nine-Eleven" irgend besser. Kein ernsthafter Versucht wurde je unternommen, um
Bin Laden zu fangen. Im späten September und frühen Oktober 2001verhandelten Führer zweier pakistanischer
islamistischer Parteien über eine Auslieferung Bin Ladens nach Pakistan, um wegen "Nine-Eleven" vor Gericht
gestellt zu werden. (...)"
"Der Schluß, der aus all diesen Analysen zu ziehen ist, kann kein anderer sein, als daß der "globale Krieg gegen den
Terror" nur ein politischer Mythos ist, um den Weg für eine ganz andere Agenda zu bereiten: Das US-Ziel einer weltweiten
Hegemonie, die um die militärische Sicherung der Öl-Vorräte herum errichtet ist, während diese zugleich zur Führung
des gesamte Projekt dienen."
Michael Meacher schließt seine Überlegungen ganz nationalistisch, indem er die Frage aufwirft, ob Tony Blair mit
seiner Politik lediglich US-amerikanischen Interessen dient oder eigenen, unabhängigen britischen Zielen. Und er
fordert einen radikalen Kurswechsel.
Harry Weber
Anmerkungen:
1 Siehe auch unseren Artikel:
'Gen-Food-Industrie stürzt britischen Umwelt-Minister' v. 27.06.03