20.08.2018

"Kokosöl ist reines Gift!"
Eine Freiburger Professorin polarisiert

Prof. Dr. Dr. Karin Michels - Grafik: Screenshot
Freiburg (LiZ). In der öffentlichen Vortragsreihe "Prävention - für ein gesundes Leben" des universitären Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie hielt die Medizinerin Prof. Dr. Dr. Karin Michels einen für esoterische Kreise provokativen Vortrag. Sie erklärte unter anderem, warum Kokosöl für die menschliche Gesundheit äußerst schädlich ist.

Der Vortrag vom 30. Juni, "Kokosöl und andere Ernährungsirrtümer", wurde kurze Zeit darauf auf einem der bekanntesten Video-Kanäle¹ im Internet veröffentlicht und erlangte dort - ausweislich der Klick-Zahlen - überdurchschnittliche Beachtung. Die Argumente der Medizinerin sind - kurz zusammengefaßt: Kokosöl besteht zu rund 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Diese erhöhen den LDL-Cholesterin-Wert und begünstigt Herz- und Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel einen Herzinfarkt.

Kokosöl wird auch als Kokosfett bezeichnet, da es bei Zimmertemperatur fest ist. Zur Gewinnung von Kokosöl wird das - auch Kopra bezeichnete - Fruchtfleisch der Kokosnuß zerkleinert und getrocknet. (Kokosnüsse sind die Früchte der Kokospalme.) Kopra wird danach in Ölmühlen ausgepreßt. Vor der Verwendung als Speisefett wird das Öl in aller Regel raffiniert und desodoriert. Seit 1961 hat sich die globale Kokosöl-Produktion fast verdoppelt.

Wie Ölpalmen wachsen auch Kokospalmen nur in den feuchtwarmen Tropen. Sie benötigen ganzjährig hohe Temperaturen und Niederschläge zum Gedeihen - Bedingungen, wie sie in den Gebieten herrschen, die natürlicherweise mit tropischen Regenwäldern bedeckt sind. Die größten Anbauflächen mit Kokospalmen finden sich daher in Indonesien, den Philippinen, Indien, Tansania, Sri Lanka, Brasilien sowie Papua Neuguinea. Bekanntlich sind dies genau die Länder, in denen die Korruption grassiert, Regenwälder abgeholzt und Menschenrechte mißachtet werden.

Der Anbau von Kokospalmen beansprucht Land und für die Produktion großer Mengen Kokosöl werden entsprechend große Flächen benötigt. Eine einzelne Kokospalme liefert etwa 10 bis 20 Kilogramm Fruchtfleisch (Kopra) pro Jahr. Auf einem Hektar lassen sich mit Kokospalmen etwa 0,7 Tonnen Kokosöl pro Jahr erzeugen.

Seit 1961 hat sich die Anbaufläche von damals 5,2 Millionen Hektar mehr als verdoppelt. Nach Zahlen der Welternährungsorganisation FAO läßt sich die Anbaufläche mit Kokospalmen auf aktuell 12 Millionen Hektar beziffern (dies entspricht nahezu der Fläche Griechenlands). Die Ernte liegt bei etwa 55 Millionen Tonnen Kokosnüssen pro Jahr. Die Produktion von Kopra liegt bei 5 Millionen Tonnen, die Produktion von Kokosöl bei 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Mit stark steigender Nachfrage nach Kokosöl wird das Geschäft für Plantagenfirmen zunehmend attraktiv. Die von der Nahrungsmittel-Industrie benötigten enormen Mengen lassen sich besonders kostengünstig auf riesigen industriellen Monokulturen und unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen erzeugen.

Der Preis für Kokosnüsse und Kokosprodukte ist vom Weltmarkt abhängig, den die großen Handelskonzerne und ihre Abnehmer dominieren. Die Bauern und Bäuerinnen haben das Nachsehen. Mit dem Anbau von Kokospalmen können sie nicht der Armut entrinnen. Und auf firmeneigenen Kokosplantagen verrichten vielfach TagelöhnerInnen die Arbeit unter oft menschenunwürdigen Bedingungen.

Umweltschutz-Organisationen warnen daher: Wenn immer mehr Firmen von Palmöl auf Kokosöl umstellen, dann entstehen sehr schnell ähnliche Probleme wie mit der Palmöl-Industrie: Landraub, Rodungen für neue Plantagen und die Vernichtung der Biodiversität.

Die Argumente hinsichtlich der durch Kokosöl bedingten Gesundheitsgefahren sind dagegen nicht gerade neu. Im Sommer 2017 veröffentlichte die American Heart Association (AHA), eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich mit der Prävention und Therapie von kardiovaskulären Erkrankungen beschäftigt, eine Überblicks-Studie auf der Grundlage von über hundert wissenschaftlichen Untersuchungen, mit der erneut nachgewiesen werden konnte, daß ein hoher Anteil gesättigter Fettsäuren in der Nahrung zu einem Anstieg des LDL-Cholesterin-Werts im Blut führt. Dieser wiederum verursacht ein deutlich erhöhtes Risiko von Herz- und Kreislauf-Erkrankungen.

Auch ein von Seiten der British Nutrition Foundation im Jahr 2016 veröffentlichter Bericht kommt zu eindeutigen Ergebnissen: "Die derzeitige wissenschaftliche Studienlage spricht weiterhin dafür, dass eine hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren sich negativ auf den Fettstoffwechsel auswirkt und damit das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken, erhöht." Und: "Oft zitierte Beobachtungsstudien zum Zusammenhang zwischen Kokosölverzehr und Herz-Kreislauf-Parametern (zum Beispiel: Prior et al.) waren in den Ergebnissen uneinheitlich und ließen mögliche Co-Faktoren, die Einfluss haben könnten (unter anderem den Lebensstil), außer Acht."

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat im Jahr 2010 mit einer Auswertung von Interventions-Studien mit über 13.600 TeilnehmerInnen belegen können, daß ein hoher Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren, zusammen mit einem niedrigen Anteil gesättigter Fettsäuren, das Risiko für koronare Herzkrankheiten (beispielsweise Herzinfarkt) senkt. Sie bestätigte damit Ergebnisse, die Daniel und Hecht bereits 1990 veröffentlichten.

Noch bis in die 1970er-Jahre galt Kokosöl als minderwertiges Kochfett. Mit dem Asia-Koch-Boom und im Zuge einer esoterisch gefärbten Mode in den 1980er-Jahren, die eine unkritische Begeisterung für "die" indische Küche und für angebliche indische Heilkünste wie etwa Ayurveda beförderte, erfuhr auch Kokosöl immer mehr Zuspruch. Dies gipfelte vor wenigen Jahren in einem Hype und Kokosöl wurde in manchen Kreisen zum "Superfood" erklärt. "Superfood" steht dabei synonym für Nahrungsmittel und sogenannte Nahrungs­ergänzungsmittel, die angeblich besonders hochkonzentrierte Nährstoffe enthalten, die den Körper stärken sollen. Stars und "It Girls" rührten sich Kokosöl in Smoothies, Dressings und Müslis. Angeblich backen, braten und kochen sie auch damit - vor allem vor laufender Kamera. Hollywood-Promis tranken ihren Kaffee oder Matchatee um "in" zu sein mit einem Eßlöffel Kokosöl – und verbreiteten hierbei die merkwürdigsten Erklärungen.

Esoterische Kreise beriefen sich zur argumentativen Untermauerung der lukrativen Mode auf angeblich wissenschaftliche Studien. Darin war die Rede von mittelkettigen Fettsäuren als "wertvollem" Bestandteil des Kokosöls. Diese würden nicht in den körpereigenen Fettzellen eingelagert, sondern in der Leber sofort in Energie umgewandelt und dies rege den Stoffwechsel an. Vor allem das Gehirn könne diese mittelkettigen Fettsäuren sehr gut verwerten und deshalb helfe Kokosöl auch gegen Demenz. Hervorgehoben wurde von dieser Seite auch die im Kokosöl enthaltene Laurinsäure. Diese fördere die körpereigene Produktion der gefäßschützenden - also "guten" - HDL-Cholesterins und wirke zugleich gegen schädliche Bakterien und Viren, während es nützliche Bakterien erhalte. Als Resümee hieß es in diesen Studien, Kokosöl wirke entzündungshemmend und immunstärkend. Und eine These zur Wirkung von Kokosöl hat in den von Überernährung und Schlankheitswahn geprägten "westlichen" Industriegesellschaften ganz besonders zum Hype beigetragen: Kokosöl sei ein Wundermittel zum Abnehmen, weil es die Fettverbrennung anrege.

Eine dieser auf den ersten Blick wissenschaftlich erscheinenden Studien, mit denen eine positiven Wirkungen von Kokosöl angeblich bewiesen wurde und die auf die Wirkung von mittel- und langkettigen Triglyzeriden abhebt, beruht auf der Untersuchung von gerade einmal hundert Personen. Und diese Ernährungs-Studie erstreckte sich lediglich auf einen Untersuchungszeitraum von acht Wochen. Bei genauerer Analyse zeigt sich, daß den hundert TeilnehmerInnen gar kein Kokosöl verabreicht wurde - wie in etlichen Artikeln, die mit dieser Studie argumentierten, behauptet. Stattdessen erhielten die TeilnehmerInnen zwei verschiedene Fettsäure-Mischungen, eine mit ausschließlich langkettigen Fettsäuren (LCT) und eine mit einer Mischung aus mittel- und langkettigen Fettsäuren (MCLT). Zitat aus der Studie: "Recommended daily fats were about 25–30% of total energy intake, MLCT or LCT oil, as the only cooking oil, was to be consumed at a rate of 25–30 g/day (…) other types of oil such as coconut were not allowed to be used during our study." Hinzu kommt, daß es sich bei den TeilnehmerInnen um Personen handelte, die schon eine Fettstoffwechsel-Störung hatten. Nur für eine Teilgruppe von 20 Personen – denen mit einem BMI zwischen 24 und 28 – konnte überhaupt ein Effekt nachgewiesen werden. Weder bei den schlanken TeilnehmerInnen noch bei den stark übergewichtigen gab es signifikante Unterschiede zwischen den VerwenderInnen der verschiedenen Fettsäure-Mischungen.

Auch eine weitere vielzitierte Studie, mit der belegt werden sollte, daß Kokosöl im Mund entzündungshemmend wirke und der Karies-Prophylaxe diene, ist völlig nichtssagend, da sie einen entscheidenden Fehler aufweist: Mit fettspaltenden Enzymen behandeltes Kokosöl sollte darauf untersucht werden, ob es gegen bekannte, kariesauslösende Bakterien wirkt. Die Behandlung mit fettspaltenden Enzymen sollte die Fettverdauung im menschlichen Körper nachahmen. Die beginnt aber erst im Magen.

Die als "Pukapuka-Studie" bekannt gewordene Untersuchung diente ebenfalls dazu, das Image des Kokosöls aufzupolieren. PropagandistInnen der Heilkräfte des Kokosöls beriefen sich auf diese Studie und behaupteten, der Genuß von naturbelassenen Lebensmitteln in Verbindung mit der Einnahme von Kokosnuß-Produkten - insbesondere Kokosfett oder Öl - bewirke einen Schutz gegen nahezu alle uns bekannten Zivilisationskrankheiten.

So findet sich etwa auf www.veganesk.de ein nicht-datierter Beitrag, in dem unter der Überschrift "Kokosöl - die Kraft aus der Natur" zu lesen ist: "Der neuseeländische Forscher Dr. Ian. A. Prior stellte in den 1960er Jahren in der »Pukapuka Studie« fest, dass ein völlig isoliert lebendes Inselvolk in Polynesien bei Neuseeland durchweg über einen perfekten Gesundheitszustand verfügte. Bei seinen Forschungen bemerkte er, dass dieser Zustand mit dem Verzehr von Kokosnüssen in allen möglichen Formen zusammenhängen musste. Unter anderem stand Kokosöl beziehungsweise Kokosfett auf dem täglichen Speiseplan." Allerdings hatten Dr. Prior und seine MitarbeiterInnen vor allem die Eß-Gewohnheiten und den Cholesterinspiegel der BewohnerInnen von Puka-Puka untersucht und nicht etwa detailliert erhoben, wie häufig sie an Zivilisationskrankheiten litten. Einen Zusammenhang zwischen dem - wie auch immer gearteten - Gesundheits-Zustand der BewohnerInnen von Puka-Puka und dem Konsum von Kokosöl kann diese Studie daher gar nicht liefern.

Noch exeptioneller kommt eine Studie daher, mit der ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kokosöl und der Heilung bei Alzheimer-Erkrankungen belegt werden sollte. Es handelt sich um den Bericht der Kinderärztin Dr. Mary Newport, England, 2000er-Jahre. Dies ist allerdings ein anekdotischer Einzelfallbericht, der nicht als Beweis für die Wirksamkeit von Kokosöl gegen Alzheimer herangezogen werden kann.

Es muß also das Fazit gezogen werden, daß es - zumindest bis heute - keine einzige wissenschaftlich fundierte Studie gibt, die auch nur eine der vielzitierten positiven Wirkungen von Kokosöl belegen könnte. Gäbe es einen solchen schlüssigen Beweis, hätten die Anbieter längst die Zulassung entsprechender Gesundheitsaussagen, sogenannter Health Claims, bei der EFSA durchgesetzt. Es gibt also keinen gesundheitlichen Grund, Kokosöl in größeren Mengen zu konsumieren. Außer Acht gelassen werden in esoterischen Kreisen ohnehin in aller Regel die sozialkritischen und ökologischen Fragen, die mit der Kokosöl-Produktion verbunden sind.

Umgekehrt ist dagegen längst nachgewiesen, daß eine Umstellung in der Ernährung von gesättigten auf ungesättigte Fettsäuren signifikante gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. In Populationen, die im mediterranen Raum angesiedelt sind, beträgt bei der Ernährung der Anteil von einfach ungesättigten Fettsäuren zwischen 16 und 29 Prozent der täglichen Gesamtenergiezufuhr (vor allem in Form von Ölsäure, also in aller Regel Olivenöl). Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, daß ein Austausch von gesättigten Fettsäuren durch Kohlenhydrate, mehrfach ungesättigte oder einfach ungesättigte Fettsäuren kardiovaskuläre Risikofaktoren signifikant reduziert.

Und: Während Kokospalmen nur in tropischen Regionen wachsen und die Transportwege daher lang sind, kommen Oliven, Raps und Walnüsse für andere Pflanzenöle aus Europa. Auch bei Kokosöl, das im Bioladen angeboten wird und das aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, muß der Vergleich zu entsprechenden Bio-Ölen europäischer Herkunft gezogen werden. Der Konsum von Bio-Kokosöl ist daher in Europa ökologisch nicht zu vertreten.

Daher befindet sich Kokosöl in Bioläden, die sich noch an den ursprünglichen Zielen der Ökologie-Bewegung orientieren, nicht im Sortiment. Leider jedoch hat seit geraumer Zeit auch in der Bioladen-Szene der Einfluß von Esoterik (Siehe unseren Artikel über "Himalaya-Salz") zugenommen und die Versuchung, KundInnen keinen auch noch so absurden Wunsch wie etwa "Bio-Zigaretten" abzuschlagen, ist groß. Manchmal wird auf der einen Seite die schlechte Ökobilanz (lange Transportwege) ignoriert und argumentativ allein auf den gesundheitlichen Vorteil exotischer Bio-Lebensmitteln gegenüber industriell erzeugten Lebensmitteln abgehoben - auf der anderen Seite wird, wenn's grad paßt, die unbestreitbare Gesundheitsgefährdung ignoriert - wie im Falle der "Bio-Zigaretten" - und allein auf den Vergleich mit dem ökologisch desaströsen industriellen Anbau von Tabak mit Pestiziden und Mineraldünger verwiesen. Doch bei Kokosöl kommen sogar beide irrationalen Aspekte zusammen: Sowohl die Ignoranz gegenüber der Gesundheitsgefährdung als auch die Ignoranz gegenüber der negativen Öko-Bilanz.

Wenig hilfreich war daher ein im Jahr 2015 in 'Schrot&Korn' (August-Ausgabe) abgedruckter Artikel mit der Überschrift "Dufte Sache: Kokosöle und Fette". Bei 'Schrot&Korn' handelt es sich um ein in der Naturkost-Branche weitverbreitetes Magazin, das an Bioladen-KundInnen gratis abgegeben wird und sich aus Anzeigen finanziert. Schon die ersten beiden Sätze dieses Artikels nahmen das Fazit vorweg: "In den 80er-Jahren sträubte sich Ernährungswissenschaftlern das Nackenhaar, wenn von Kokosfett die Rede war. Heute gilt es als gesund." Weiter heißt es in diesem Artikel: "Kokosöl besteht zu rund 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Die erhielten lange Zeit pauschal die rote Karte: belastend für Herz und Kreislauf, hieß es. Inzwischen wissen wir es dank neuerer Studien besser: Insbesondere mittelkettige gesättigte Fettsäuren, sogenannte MCTs (middle chain triglycerides), die den Hauptteil des Kokosöls ausmachen, entpuppen sich als reinste Wohltäter."

Eine heute weit verbreitete fatalistische Haltung läßt sich auf die Formel bringen: "Jede Seite stützt sich nun mal auf diejenigen Studien, die ihr ins Konzept passen." Dies ist zugleich eine recht bequeme Haltung, denn mit ihr erübrigt sich die Mühe, sich genauer zu informieren und die jeweiligen Informations-Quellen auch darauf abzuklopfen, welche Interessen dahinter stecken. Wie jedoch bereits in den Zeilen weiter oben gezeigt, ist es im Falle der Kontroverse über Pro und Kontra Kokosöl relativ einfach, sich selbst ein Bild zu machen, da die wenigen Studien, die positive Effekte des Kokosöls zu beweisen scheinen, schnell qualitativ eingeordnet werden können.

Wer jedoch wissenschaftliche Studien prinzipiell in Frage stellt, muß sich fragen lassen, worauf sich denn dann beispielsweise ein Urteil über Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit des Zigaretten-Konsums stützen sollte. Unbestreitbar ist, daß lange Zeit immer wieder breit angelegte Studien der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden durch von Tabak-Konzernen bezahlte Gegenstudien "widerlegt" wurden. Wichtig ist hier nicht nur, sich anzuschauen, wer welche Studien bezahlt hat und welche Interessen dahinter stecken, sondern auch nachzulesen, wie sich diese Gegenstudien bei genauerer Analyse als wenig aussagekräftig erwiesen und wie unabhängige ForscherInnen in einzelnen Fällen sogar aufzeigen konnten, daß bei der Datengrundlage dieser Gegenstudien manipuliert worden war.

Wenn es auch manchmal länger dauerte, so haben jedoch die Kontroversen über die Gesundheitsschädlichkeit des Zigaretten-Konsums, die Gefährlichkeit von Asbest oder der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Contergan und Mißbildungen bei Neugeborenen gezeigt, daß sich langfristig im wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß die Vernunft durchsetzt.

So war beispielsweise schon in den 1950er-Jahren im Grunde wissenschaftlich erwiesen, daß Rauchen gesundheitsschädlich ist und zu Lungenkrebs führt. Dennoch war es erst im Jahr 1999 so weit, daß die US-Regierung eine Zivilklage gegen die US-Tabakindustrie (unter anderen Philip Morris USA, R.J. Reynolds Tobacco Company, Brown&Williamson Tobacco) einreichte. Mit Hilfe von beschlagnahmten Dokumenten der Tabakindustrie konnte bewiesen werden, daß die angeklagten Konzerne seit Anfang der 1950er-Jahre eine Art kriminelles Kartell gebildet hatten, um ihre KundInnen zu täuschen. Alle Gewinne und Zinsen, insgesamt 280 Milliarden US-Dollar, welche die Tabakindustrie seit den 1950er Jahren gemacht hatte, verlangte die US-Regierung zurück. Der wissenschaftliche Disput war zu diesem Zeitpunkt längst entschieden.

Gladys Kessler, Richterin des US-amerikanischen Bundes­bezirksgerichts, bestätigte am 17. August 2006 in ihrem 1.742 Seiten umfassenden Urteil, daß der Zigaretten-Konsum Krankheit und Tod verursacht. Trotz firmeninterner Anerkennung dieser Tatsache hatte die Tabakindustrie in der Öffentlichkeit während Jahrzehnten systematisch die schädlichen Nebenwirkungen des Zigaretten-Konsums bestritten, verzerrt dargestellt und verharmlost. Dank ihrer enormen Finanzkraft fand die Tabakindustrie auch immer wieder willfährige WissenschaftlerInnen, die sich dafür hergaben, Studien über die Ungefährlichkeit des Zigaretten-Konsums zu verfassen. Fast ein halbes Jahrhundert lang heuerte die Tabakindustrie WissenschaftlerInnen an, die nach und nach erst die Lungenkrebsgefahr von Rauchern bestritten, dann das erhöhte Risiko für Herzerkrankungen und weitere Gesundheitsgefahren leugneten und schließlich die Gesundheitsgefahren des Passivrauchens herunterspielten. Auf diese Weise schaffte es die Tabakindustrie, trotz eines existierenden wissenschaftlichen Konsenses über die Gesundheitsgefahren des Rauchens und trotz Millionen Todesfällen, die mit dem Rauchen in Verbindung standen, staatliche Regulierung und Entschädigungs-Maßnahmen um Jahrzehnte zu verzögern.

Die Aussage "Jede Seite stützt sich nun mal auf diejenigen Studien, die ihr ins Konzept passen", mag als zynisch gefärbte Situationsbeschreibung der heutigen Diskussions-(Un-)Kultur angebracht sein. Als Standpunkt für die eigene Wahrheitssuche führt diese Aussage jedoch schnurstracks in den Obskurantismus und zurück hinter die Aufklärung in die finstere Zeit des Mittelalters. Am Ende bleibt dann (bestenfalls) nur die Wahl, sich dem einen oder dem anderen Dogma zu unterwerfen.

 

REGENBOGEN NACHRICHTEN

 

Anmerkungen

¹ Leider ist dieser Video-Kanal im Besitz des IT-Konzerns Google, der seine Profite mit der skrupellosen Vermarktung der Daten der BesucherInnen erzielt. Wir halten es daher nicht für angebracht, auf eine von Google kontrollierte Internet-Seite zu verlinken.

² Der Medizinerin Karin Michels wird übrigens seit der Veröffentlichung ihres Vortrags auf einem Video-Kanal¹ im Internet vorgeworfen, sie stelle sich nicht der Diskussion. Tatsächlich ist die auf diesem Video-Kanal¹ verfügbare Kommentar-Funktion im Falle des Vortrags "Kokosöl und andere Ernährungsirrtümer" abgeschaltet. Fairer Weise muß jedoch angemerkt werden, daß auf vielen Kommentar-Seiten dieses im Besitz des Internet-Konzerns Google befindlichen Video-Kanals¹ die unflätigsten Beschimpfungen zu lesen sind. Wer etwa eine wenig frequentierte Seite mit eigener Musik auf diesem Video-Kanal¹ einrichtet, kann mit übersehbarem zeitlichem Aufwand die Kommentar-Seiten administrieren und unsachliche Kommentare löschen. Dies führt allerdings auch zu seltsamen Blüten: Auf manchen solchen Musik-Seiten sind ausschließlich positive Kommentare zu den hochgeladenen Videos zu finden, weil ausnahmslos jede Kritik gelöscht wird. Für UserInnen, die eine solche Musik-Seite das erste Mal besuchen, ist diese einseitige Kommentierung vielleicht überraschend - wie sie zustande kommt, wird jedoch nicht vermerkt und ist daher zumindest nicht sofort als Manipulation erkennbar.

 

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